Die Protagonistinnen in diesem Kapitel:
Ein Kleinkind, wach ab 3:30 Uhr, Lieblingswort AUAAA, kommentiert im Straßenverkehr alles in Sichtweite (Baaaahn, Baggeer, Busssss) und bestellt von allem Nachschlag (meeehr Baaahn).
Ein Hund, dauerhaft auf der Flucht vor dem Kleinkind.
Eine Selbstständigkeit, die gerade ihre Kategorie wechselt und dabei gern meine volle Aufmerksamkeit hätte.
Ein Hundeleinen-Shop, dessen Musterleinen hier überall hängen und dessen Kartons auf dem Drucker stapeln, als Erinnerung, dass September näher kommt.
Eine Wohnung, die zu klein geworden ist (die Suche nach der nächsten läuft, nebenbei, wie alles hier).
Und ich, dritter Kaffee um 10 Uhr, Atemtechniken je nach Lage zum Runterkommen oder Hochfahren, Musik für die Laune.
Abwesend in dieser Episode: der Schlaf.
Es ist laut hier. Nicht metaphorisch laut. Ein Kleinkind, das Schlafen für ein Gerücht hält, ein E-Commerce, der im September neu startet, und eine Selbstständigkeit, die gerade ihre Kategorie wechselt. Alles gleichzeitig, alles jetzt, alles mit ungefähr 20 Arbeitsstunden pro Woche.
Bettina fragt in ihrer Blogparade: Wenn dein Leben ein Buch wäre, wie würde das aktuelle Kapitel heißen? Ich habe kurz überlegt, ob ich etwas Würdevolles nehme. „Die Neuerfindung“ vielleicht, oder „Aufbruch“. Aber ehrlich: Wer meinen Alltag drei Tage beobachtet, würde das Kapitel nicht „Aufbruch“ nennen. Der würde sagen: Es ist laut hier. Also heißt es so.
Drei Handlungsstränge, null Abstimmung untereinander
Die Kapitel davor waren ordentlich sortiert. 20 Jahre Marketing und Branding, davon acht mit Fokus auf Webentwicklung. Dann ein Kind (das Kapitel hieß vermutlich „Kontrollverlust, freundlich verpackt“). Und jetzt eben dieses hier, in dem drei Handlungsstränge gleichzeitig laufen und keiner davon auf die anderen Rücksicht nimmt.
Strang eins: Digital Bohemienne wechselt die Kategorie. Auf dem Papier habe ich jahrelang Websites für Coaches gebaut. In Wahrheit habe ich Markenarbeit gemacht, die ganze Zeit. Denn damit eine Website nicht nur im Netz dümpelt, sondern Klicks und Anfragen erzeugt, brauchte es schon immer dasselbe: eine klare Positionierung, Texte mit Dramaturgie, Userflows, die etwas auslösen. Die Website war nur das Trägermaterial.
Und dann kam KI und hat gleich mehrere Dinge auf einmal umgeworfen. Menschen suchen anders: weniger bei Google, mehr im Chat, und dort wird nur empfohlen, was die Maschine lesen kann. Menschen arbeiten anders, die halbe Arbeitswelt sortiert sich gerade neu, Selbstständige inklusive. Und Menschen schreiben anders, nämlich zunehmend gar nicht mehr selbst, weshalb gefühlt der halbe Markt klingt wie Vanilla-ChatGPT mit Logo (erkennbar unter anderem daran, dass Em-Dashes gerade die Weltherrschaft beanspruchen, in diesem Text übrigens: null).
All das zusammen hat mich quasi zum Handeln gezwungen. Dazu kam, dass Webdesign mit WordPress plötzlich eine ernsthafte Alternative bekommen hat, die ich ohnehin ergründen musste, nämlich Websites bauen mit Claude Code. Also habe ich beschlossen umzupositionieren: Ich mache weiter Markenarbeit, aber jetzt für eine Welt, in der Maschinen mitlesen. Marken maschinenlesbar machen und sie gleichzeitig so schärfen, dass sie mit niemandem verwechselbar sind.
Die Ironie dabei: Markenarbeit war noch nie so zugänglich wie jetzt. Die Werkzeuge liegen rum, quasi kostenlos. Nur nutzt sie kaum jemand dafür, weil alle damit beschäftigt sind, noch mehr Content zu produzieren. Content, der klingt wie alle.
Strang zwei: Pawhemian, der zweite Anlauf. Ich habe nebenbei eine E-Commerce-Marke für modulare Hundehalsbänder und -leinen: Pawhemian. Der erste Launch hat sich so lange hinausgezögert, dass er ausgerechnet Ende November stattfand. Zum Ende meiner Elternzeit, mitten in der teuersten Meta-Ads-Saison des Jahres (so teuer wie nie zuvor, habe ich später erfahren, das Timing war also nicht nur schlecht, sondern historisch schlecht), ohne Reichweite, in einem vollen Markt. Im Januar habe ich die Reißleine gezogen, weil man mit 20 Wochenstunden schlicht keine zwei Feuer gleichzeitig löscht. An der Marke lag es nicht, am Timing schon. Im September startet der zweite Anlauf. Diesmal mit Vorlauf, diesmal nicht in der Saison, in der jeder Klick Gold kostet.
Strang drei: das Kind. Schläft schlecht und offenbar auch ungern. Dafür ist es tagsüber in jeder wachen Minute doppelt on fire. Die Energie geht in diesem Haushalt also nicht verloren, sie wechselt nur die Besitzerin (meine ist nämlich exakt in dem Maß weg, in dem das Kind zu viel hat, und der Hund hat seine komplett in die Flucht investiert). Dieser Strang zieht sich durch alle anderen, ungefähr so, wie sich ein Presslufthammer durch ein Konzert zieht. Ab August beginnt die Kita-Eingewöhnung, und wenn alles gut geht, werden aus 20 Arbeitsstunden irgendwann 28 bis 30. Ich formuliere das bewusst vorsichtig, denn wer schon mal eine Eingewöhnung mitgemacht hat, weiß: Der Zeitplan gehört dem Kind, nicht dem Kalender.
Was dieses Kapitel mir beibringt (unfreiwillig, aber gründlich)
20 Wochenstunden für zwei Businesses klingen nach einem Handicap. Sind sie auch, ich werde das nicht romantisieren, „weniger Zeit macht kreativ“ ist ein Kalenderspruch für Leute mit Kinderbetreuung.
Aber die Stunden erzwingen etwas, das ich vorher nur gepredigt habe: Alles, was ich baue, muss ohne mich weiterarbeiten. Eine Website, die verkauft, während ich beim Kinderarzt sitze. Eine Markenarchitektur, die von KI-Systemen zitiert wird, während ich um 15 Uhr abhole. Prozesse, die eine Maschine ausführen kann, weil ich schlicht nicht verfügbar bin. Genau das verkaufe ich meinen Kundinnen, und zwar weil ich selbst darauf angewiesen bin. Ich bin sozusagen meine eigene dringendste Referenzkundin.
Die Stunden erzwingen noch etwas Zweites: Tempo-Ehrlichkeit. Der ganze Markt vibriert gerade förmlich vor lauter „hüa, jetzt aber flott“, und ich erwische mich selbst regelmäßig dabei, dass ich schneller machen will statt besser. Dann trete ich hart auf die Bremse. Mit 20 Wochenstunden gibt es blinden Aktionismus schlicht nicht im Angebot, jede Stunde muss wissen, wofür sie da ist. Tempo ist nämlich keine Strategie.
Bettina fragt auch nach dem Genre. Sitcom, würde ich sagen, mit gelegentlichen Horror-Elementen, je nach Nacht.
Und das nächste Kapitel?
Kapitel 46 hat hoffentlich 28 Arbeitsstunden, einen laufenden Shop und ein Kind, das die Nacht als Konzept akzeptiert hat. Zwei von drei würde ich nehmen.
Bis dahin: Es ist laut hier. Aber es steht alles noch. Und ehrlich gesagt, ein bisschen was geht sogar voran.
Über die Autorin
Raphaela Ayriss ist KI-Markenarchitektin, Webdesignerin und Gründerin von Digital Bohemienne. Sie baut semantische Markensysteme und GEO-Infrastruktur für etablierte Online-Coaches im DACH-Raum. Ihr Hintergrund: 20+ Jahre Marketing und Branding (u.a. Deutsche Telekom), M.A. in Global Media & Communication mit Schwerpunkt Markenführung (University of Warwick), 8 Jahre conversion-fokussierte Webentwicklung für Coach-Marken.

